Thema: Für eine gesunde Welt
Bloggen statt Joggen
Die wahren Abenteuer sind im Netz. Darum werden unsere Kinder immer träger, immer dicker und ihren Eltern immer fremder. Niki Glattauer
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Wow, viel erlebt hat er heute wieder! Kevin, 14, strahlt in sich hinein. Allein gegen Hunderte von Wraith gekämpft, die Königin besiegt, Atlantis gerettet, das war ein Abenteuer! Richtig heiß gelaufen ist die Konsole, jedenfalls metaphorisch gesprochen. Im Ranking liegt Kevin jetzt höher als Patrick, zwanzig Punkte mehr, und das in nur zwei Stunden! Das musste er gleich seinen Followern twittern. Nach dreißig Minuten war die Sache im Netz. Und dann schnell noch Bushido gegoogelt, die Lusche! Damit René morgen nicht wieder so tun kann, als sei er der Einzige in der Klasse, der etwas vom Rappen versteht. Erledigt! Jetzt kann er sich in aller Ruhe ein, zwei Stündchen auf MySpace verchillen, dort ist nämlich das neueste Video von ... Da klopft ihn die Mutter aus den virtuellen Welten hinter der Kinderzimmertür: "Kevin, ich gehe einkaufen. Willst du mitgehen?" MIT... GEHEN? "Danke, nein, hab urviel zu tun ...!"
Voll aktiv sind unsere "Kids" - solange sie ihr Sitzfleisch dafür nicht lüften müssen. Und total sozial - solange es lediglich um ein Netz im Net geht. Spielplatz, Schnitzeljagd, Rausgehen, Freunde treffen, Laufen, Austoben: Mit solchen Vorschlägen haben Eltern und Lehrer zunehmend schlechte Karten. Fernsehen, Computer oder Konsole sind eine inzwischen unbesiegbare Konkurrenz für Fußball, Skaten & Co.
Wie viel Zeit verbringen Kinder täglich mit der Nutzung neuer Medien? Seit 1999 arbeitet der deutsche "Medienpädagogische Forschungsverbund" an der Basisstudie Kinder und Medien (KIM) zum Stellenwert der Medien im Alltag von Kindern im Alter von sechs bis dreizehn Jahren. In der Kiste nichts Neues, könnte man sagen: Das Fernsehen ist laut KIM-Studie 2008 nach wie vor das meistgenutzte Medium. Die geschätzte TV-Nutzungsdauer liegt zwischen einer und eindreiviertel Stunden täglich. Dem Computer kommt laut Studie aber eine immer wichtiger werdende Rolle zu. Jedes zweite Kind im Alter von sechs bis sieben Jahren hat bereits Erfahrungen mit dem PC. Insgesamt nutzen drei Viertel der Kinder zwischen 6 und 13 Jahren zumindest ab und zu einen Computer. Wobei die PC-Nutzungsfrequenz mit wachsendem Alter zunimmt. "Bei den Jugendlichen ist der Computer inzwischen das neue 'Leitmedium' und hat damit den Fernseher abgelöst", sagt der Pädagoge und Soziologe Michael Grunewald, Gutachter für die Alterseinstufungen von Computerspielen in Deutschland. Interessant dabei sei, dass dies - im Gegensatz zum Fernsehen - für alle Bildungsschichten gelte. Das bedeute, dass unabhängig vom Bildungshintergrund in allen befragten Familien ein Anstieg der PC-Nutzungsfrequenz zu beobachten sei.
Wie viel Medienkonsum verträgt also das talentierte Kind? Bei dieser Frage geht es zunächst einmal um die Art der Nutzung neuer Medien. Um Frequenz, Funktion und um die Umstände. Michael Grunewald: "Ob Anne-Sophie zwei Stunden am PC für die Schule lernt oder Kevin zwei Stunden Online-Games spielt, macht einen Unterschied. Und auch, ob Kevins Eltern Bescheid darüber wissen, wie und in welchen virtuellen Welten ihr Sohn zu Hause ist." Leicht gesagt. Als ich einmal wissen wollte, wie man mir online "Twittern" erklären würde, landete ich bei folgendem Text:
Eigentlich entspringt Twittern einem sehr simplen Gedanken, der mit dem Begriff Microblogging zu beschreiben ist (...) Seine volle Wirkung entfaltet der Service im Zusammenspiel mit der restlichen Community: Über einen simplen Klick lässt sich den Updates anderer UserInnen "folgen", so kann unkompliziert ein individueller Info-Stream zusammengestellt werden. Über die Reply-Funktion lassen sich Diskussionen entspinnen, per Retweet die Infos anderer NutzerInnen den eigenen Followers weiterreichen und tragen so zu deren Verbreitung bei.
Solchen "sehr simplen" Gedanken muss der gemeine Vater (oder Lehrer) erst einmal "followern" können ...
Jugend dick da
Nicht zuletzt geht es in der Frage Medienkonsum aber um das sprichwörtliche Sitzfleisch. Wie viel davon verträgt unsere Jugend? Wie viel ist ihr - körperlich - zumutbar? Wie viel dürfen wir ihr zumuten? Kinder brauchen angemessene Ernährung, um sich gesund entwickeln zu können. Nicht neu. Und sie brauchen angemessene Bewegung. Das regelmäßige Führen einer Computermaus über ein Lady-Gaga-Pad wird dafür nicht ausreichend sein. Essstörungen wie Adipositas und Typ-II-Diabetes im Jugendalter werden mit der Ernährung zu Hause und in der Schule grundgelegt. Die Ursachen für Adipositas sind zwar teils genetischer Herkunft, überwiegend wird die Krankheit jedoch durch geänderte Lebensbedingungen hervorgerufen. Zunehmender Fernseh- und Computerkonsum und ein verführerisches Angebot an geschmacklich attraktiven und dabei energiedichten Leckerlis, aufgespritzt mit null Bewegung, sind ein verhängnisvoller Cocktail.
Wenn es zu spät ist, hilft vielleicht die Walleczek-Methode, damit es nicht zu spät würde, hülfe (sic!) ein guter Turnunterricht. So veraltet die Formen des Konjunktivs, so veraltet präsentiert sich Turnen oft in unseren Schulen: Medizinball statt Handball. Federball statt Badminton. Kastenspringen statt Trampolin-Jumpen. Zirkeltraining statt der Halfpipe. Die Turnlehrer/innen (alias BS-Lehrer) können nichts dafür. Sie geben ihr Bestes. Drei Stunden die Woche, an Nachmittagen zwischen Religion und Sonnenuntergang. In umgebauten Werkräumen. Mit einem Pfeiferl zwischen den Lippen, damit sie den Lärm zwischendurch abstellen können, der sie halb wahnsinnig macht ... PS: Meine Tochter, halb acht, geht seit heuer in Moto-Turnen. Zwei Stunden jeden Montagnachmittag. Es ist der einzige Tag, an dem sie G-A-R-A-N-T-I-E-R-T mit guter Laune nach Hause kommt. Zwei Lehrerinnen, acht Schülerinnen. Dazwischen urviel Zeug, das sich bewegt, um das sie sich bewegt, das sie bewegt. Einen Gameboy hat sie seit Weihnachten auch sie weiß inzwischen nicht einmal mehr, wo. Und ich bete jeden Tag, dass wenigs-tens d a s eine Zeit lang so bleibt.
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