Die Haltung, die Schule macht
Warum helfen Menschen, warum tun sie sich zusammen? Sind unsere Werte die gleichen geblieben? Ist Helfen auch in Zukunft cool? Zur Neudeutung des Begriffs der Freiwilligkeit.
Thomas Aistleitner
Marcel muss nicht lange überleben: "Weil es viel zu wenige tun", sagt der 17-jährige Grazer auf die Frage, warum er freiwillig beim Jugendrotkreuz mitmacht. Marcel ist erst seit drei Jahren beim Jugendrotkreuz. "Meine Mutter und ich waren auf der Suche nach einer Jugendgruppe, bei der ich mitmachen kann. So sind wir auf das Jugendrotkreuz gestoßen. Durch meine Schulreferentin bin ich zur Jugendtagung gekommen ..."
Inzwischen ist Marcel Bundeslandkoordinator für die Telefonhotline „time4friends“ in der Steiermark und in Kärnten und Betreuer der Jugendgruppe Graz-Stadt. "Ich habe dabei so viele Leute kennengelernt,
die ich mir aus meinem Leben nicht mehr wegdenken möchte", erzählt Marcel. "Und seit ich beim Freundschaftscamp in Langenlois war, gefällt mir auch der internationale Aspekt sehr gut." Für Jana begann der Kontakt zum Jugendrotkreuz mit einem Babyfit-Kurs. Ihre Motivation hatte mit freiwilligem Engagement zunächst einmal wenig zu tun. "Ich will als Babysitterin arbeiten", erklärte die 14-Jährige. "Der Babyfit-Kurs gibt mir die Grundlagen dafür, und ich bekomme einen Ausweis. Der kommt gut an bei den Eltern."
Doch im Babysitter-Ausweis ist noch Platz für einen zweiten Stempel – für einen zusätzlichen Erste-Hilfe-Kurs. Jana belegte auch diesen Kurs, das war schon ganz freiwillig. Im Kurs erfuhr sie, dass es einen weiteren, noch umfangreicheren EH-Kurs gibt. Im Monat darauf hatte sie auch diesen Schein in der Tasche. Jetzt wartet Jana darauf, "dass ich in zwei Jahren endlich die Sanitäterausbildung anfangen kann".
Nicht nur Werte
Marcel absolviert diese Ausbildung gerade und darf schon "mitfahren". Auch er möchte freiwilliger Rettungssanitäter werden: "Von den Patienten kommt so viel zurück. Man erfährt so viel Dank und Vertrauen." Was Marcel und Jana gemeinsam haben: Sie wollen sich nicht aufopfern. Sie sehen sich nicht als Samariter. Sie haben eine Haltung. In dieser Haltung steckt: Ich will etwas Nützliches tun, das mehr ist als nur Spaß für mich persönlich. Ich will anderen helfen, aber dabei auch mich selbst weiterbringen. Marcel sagt: "Ich merke, dass es auch mir selbst guttut, helfen zu können."
Die neuen Freiwilligen helfen also nicht nur um des Helfens willen. Für den Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier ist das ganz normal: "Menschen handeln in erster Linie funktional. Auch viele, die Gutes für die Gesellschaft tun, machen das in hohem Maße um ihrer selbst willen.
Das mag kalt und egoistisch klingen, aber für Menschen, gerade für junge Menschen, ist es auch "nützlich", gemeinsam etwas Sinnvolles zu tun. Auch Online-Communitys wie Facebook, wo sich (nicht nur) junge Leute ganz freiwillig versammeln, beruhen im Grunde auf nichts anderem als der Idee, Fotos, Ideen, aber auch Haltungen zu "teilen".
"Es geht nicht ohne Sinn und Selbstverwirklichung", erklärt Jugendforscher Heinzlmaier. "Ein Mensch kann nicht glücklich sein, wenn er nur einer funktionalen Logik folgt. Für die Hilfsorganisationen ist das ein riesiges
Potenzial: Die Sinnfrage mündet direkt in helfende, gemeinschaftsbezogene Aktivitäten."
Wo sind die Jungen?
Jugendrotkreuz-Referenten und -referentinnen wissen es: Kinder sind für vieles zu begeistern. Sie machen gerne mit bei den Angeboten des Jugendrotkreuzes. Auch ihre Eltern haben in der Regel kein Problem mit dem Leistungsbeitrag. Manchmal sind sie selbst auch schon wieder freiwillig tätig. Wieder? Hier liegt das Problem: Am schwersten erreichbar sind jene Menschen, die nicht mehr zur Schule gehen und noch keine Familie haben. Aber warum?
Die akzeptierte Erklärung lautet: Junge Menschen sind mit sich selbst beschäftigt, mit dem Aufbau von Karriere und Familie. Sie haben deshalb keine Zeit und keinen Kopf für das Helfen.
Haltung muss man schätzen
Doch viele junge Menschen sehen es anders: Sie wollen sich durchaus engagieren, müssen aber erst die Zweifel der Erwachsenen ausräumen. Oft fehlt das Verständnis der Eltern und sogar mancher Lehrer/innen. Wird dir das
nicht zu viel? Sinkst du dann nicht ab mit den Noten? Victoria, Leiterin einer Salzburger ÖJRK-Gruppe, sagt: "Wie sollen junge Leute die Freiwilligentätigkeit schätzen, wenn von den Älteren keine Wertschätzung da ist?"
Jana ist eine, die diese Wertschätzung erfahren hat. Nach dem Babyfit-Kurs und zwei weiteren Erste-Hilfe-Kursen war ihr Interesse erst richtig geweckt. Um ein Schulpraktikum zu absolvieren, hat sie sich einfach bei der nächsten Rotkreuz-Dienststelle gemeldet. Dort war Jana die erste Schülerin mit einer solchen Anfrage. Die Dienststelle akzeptierte sie und erstellte dazu ein dreitägiges Curriculum, das man künftig auch anderen Schülerinnen und Schülern anbieten will. Das ist eine Haltung, die Schule macht.
Mitreißen und begeistern
Die Herausforderung in der Jugendarbeit sind nicht die alten oder neuen Freiwilligen und auch nicht die Jugendlichen. Jeder gute Lehrer und jede gute Lehrerin kann Jugendliche mitreißen und begeistern, wenn er/sie selbst von einer Sache überzeugt ist. Nicht die motivierten Jugendlichen fehlen uns, sondern die Erwachsenen, die vorangehen und eine Haltung vorleben, die Schule macht. Jede/r, der nach Gründen sucht, warum die Jungen nicht oder nicht mehr dabei sind, sollte sich daher auch fragen: Wie, wo und wem gegenüber zeige ich selbst eine Haltung des Helfens? Eine Haltung, die vorbildlich ist und Schule macht?





