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ÖJRK-Jugendcharta

Zehn Aussagen zu Themen wie Familie und Freunde, Identität, Beziehungen, Ausbildung, Arbeit, Freizeit, Gesundheit, Mitsprache, Migration und Zusammenleben spiegeln die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen und ihre Forderungen - damit sie eine lebenswerte Zukunft haben.

In einem zweitägigen Workshop mit Jugendlichen, in Online-Diskussionen und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Jugendkultur hat das Jugendrotkreuz die ÖJRK-Jugendcharta entwickelt. Es wurden zentrale Anliegen und Bedürfnisse von Jugendlichen auf den Punkt gebracht.

 

 

 


1. IDENTITÄT

„Ich stelle die Welt auf den Kopf!“

Ich bin mehr als das, was ihr in mir seht. Gebt mir Zeit und Raum zu wachsen und mich zu entwickeln!

Ich bin ich - mit allen meinen Begabungen. Ich kann nur ich sein – und kein anderer. Ich darf Fehler machen und daraus lernen. Ich will mehr über mich wissen - gebt mir Zeit und Raum dafür, meine Möglichkeiten zu entdecken.

Soziales Umfeld, Bildungsgeschichte, aber auch Herkunft, Aussehen und Sprache prägen die Entwicklung der Identität eines Menschen. Jedes dieser Merkmale soll anerkannt und geschätzt werden.

Nur so können Jugendliche genügend Selbstwert aufbauen, um mit sich selbst und ihrem Umfeld sicher umzugehen und ihre Rolle in der Gesellschaft zu finden. Wer für sich stehen kann, muss sich in Gruppen nicht anpassen und eine falsche Identität präsentieren. So wichtig wie die Individualität ist auch das Gefühl von Zugehörigkeit.

2. FAMILIE UND FREUNDE

„We are family!“

Meine Familie sind die Menschen, denen ich vertraue.

Meine Familie, das sind alle, verwandt oder nicht, auf die ich mich verlassen kann. Sie bietet Geborgenheit und Sicherheit. Wir sind nicht immer einer Meinung – aber für einander da. Meine Familie kennt und akzeptiert mich so, wie ich bin, und sie unterstützt mich. Kritik bringt mich weiter. Ich will mich sicher und akzeptiert fühlen! Von meiner Familie und von den Menschen, die mir wichtig sind.

Jeder Mensch braucht mindestens eine Bezugsperson. Diese muss nicht verwandt sein, soll aber Geborgenheit und Sicherheit geben. Es ist die Pflicht der Eltern/der Bezugspersonen, als Vorbild gesellschaftliche Normen, Werte und Traditionen zu vermitteln. Sie helfen Jugendlichen, Persönlichkeit zu entwickeln und vernetzt zu denken. Familie bedeutet sowohl die Herkunftsfamilie, als auch den engeren gleichaltrigen Freundeskreis. Das Vertrauen basiert auf Akzeptanz und Unterstützung.

3. BEZIEHUNGEN

„Lieben und lieben lassen.“

Zusammen sein. Neues erleben. Erfahrungen teilen. Das ist die Liebe, die ich brauche. Sex gehört zur Liebe, wenn wir es beide wollen.

Eine Liebesbeziehung bedeutet neue Erfahrungen - und Verantwortung. Es ist wichtig, seine Erfahrungen mit Gleichaltrigen zu teilen und durch Beziehungen und Trennungen zu reifen. Jeder hat die Entscheidungsfreiheit bei der Wahl seines Partners. Es gibt keine „falschen“ Liebesbeziehungen. Niemand kann sich aussuchen, in wen man sich verliebt. Jede Beziehung ist zu respektieren.

4. LERNEN UND AUSBILDUNG

„Das Falsche wird das Richtige sein.“

Lernen heißt Fehler machen, Schlüsse ziehen, besser machen. Mein Leben lang.

Ich bestimme über meine Ausbildung. Ich habe ein Recht auf Bildung und Lehrstellen. Ich will eine gute Allgemeinbildung. Ich will vieles wissen, mehr als ich für den Beruf brauche. Die frühe Berufsauswahl hilft mir nicht. Die Übergänge zwischen Schul- und Ausbildungstypen müssen einfacher werden, damit ich leichter umsteigen kann.

5. ARBEIT

„Generation gratis?“

Fairer Lohn für gute Arbeit statt Nulltarif für Praktikanten.

Ich habe Kraft zum Arbeiten – aber ich bin nicht bloß eine Arbeitskraft. Was ich weiß und kann, habe ich mir erarbeitet – deshalb ist es wertvoll und verdient Wertschätzung. Von meiner Arbeit will ich leben können.

Junge Menschen auf der Suche nach einem Arbeitsplatz werden zum Nulltarif beschäftigt. Gratisarbeit wird als Qualifikation für einen bezahlten Job missbraucht. Gute Arbeit verdient aber eine angemessene Bezahlung. Die Arbeit der Jungen ist auch etwas wert: Während die Älteren Erfahrung und Qualifikation einbringen, haben Jugendliche oft eine andere Perspektive, einen offeneren Zugang zu Themen.

6. FREIZEIT

„Frei sein. Frei haben.“

Jeder braucht Zeit zum Durchatmen, Langschlafen, Rumhängen. Es ist die Zeit zum Kräftesammeln.

Zeit ist begrenzt – und deshalb wertvoll. Unverplante Zeit ist besonders begrenzt und daher besonders wertvoll. Freizeit bedeutet selbstbestimmte Zeit für mich. Ich brauche sie zur Erholung und um Kräfte zu sammeln. Aber ich tue manches auch für mich selbst, einfach mal fernsehen, einfach mal surfen, einfach mal gar nichts tun ...

Für Jugendliche ist Freizeit ein wichtiger Lebensbereich nach Familie und Schule. Sie dient als Ausgleich zur Schule und Ausbildung und ist notwendig für die psychische und physische Entwicklung.
Freizeit bedeutet selbstbestimmte Zeit für sich zur Verfügung zu haben. Das heißt nicht nur Aktivitäten nachzugehen, die einem Spaß machen und ungezwungen sind, sondern auch einfach einmal nichts zu tun.

7. GESUNDHEIT

„Mein Körper spricht mit mir.“

... und sagt mir, was er braucht und was gut für mich ist. Ich allein muss mich in meinem Körper wohlfühlen. Egal, was andere sagen, egal, was andere nehmen, egal wie andere aussehen. Wenn ich mich gut fühle, bin ich gesund. Ich höre in mich hinein und spüre, was ich brauche: Schlaf, meine Ruhe, Schokolade, eine Runde in der Halfpipe.

Wie Jugendliche ihre Gesundheit selber einschätzen und wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind, ist ein guter Hinweis darauf, wie es tatsächlich um ihre mentale und physische Gesundheit bestellt ist.

Westliche Schönheitsideale wie Untergewicht bei Mädchen, übertriebene Muskeln bei Jungen oder kosmetische Korrekturen gewinnen unter Jugendlichen immer mehr an Bedeutung. Sich mit dem eigenen Körper und seiner Wirkung nach außen zu befassen, ist weder krankhaft noch problematisch, kann aber zu psychischen und gesundheitlichen Problemen führen, wenn es der einzige Lebensinhalt wird.

Lebenskompetenzen – wie die Fähigkeit sich selbst wahrzunehmen, Einfühlungsvermögen zu zeigen, der Umgang mit Stress und negativen Emotionen, Kommunikation, kritisches Denken und Problemlösen – sind wichtige Voraussetzungen für eine gesunde Lebensgestaltung und somit für das Wohlbefinden.

8. MITSPRACHE

„Ich habe immer das Recht auf meine Meinung.“

Ich will die Möglichkeit haben mitzureden. Wann ich will.

Wenn es um mich geht, möchte ich mitreden und mitbestimmen. Wenn ich mich irre, möchte ich daraus lernen – und trotzdem ernst genommen werden. Das hilft mir, Kompetenz zu erwerben. Nur dann kann ich auch Verantwortung übernehmen.

Für Jugendliche ist es wichtig zu wissen, dass auch ihre Meinung zählt. Ihnen muss zugetraut werden Verantwortung zu übernehmen, wo es ihnen zumutbar ist und wo sie sich kompetent genug fühlen.

9. MIGRATION

„Ich träume von einer Welt ohne Ausländer.“

In meiner Welt gibt es keine Ausländer. Weil wir alle in derselben Welt leben. Weil jeder gleich viel wert ist und die gleiche Chance verdient.

Für mich zählt, was du tust. Nicht deine Herkunft, deine Hautfarbe, deine Kleidung, deine Sprache. Egal, woher du kommst: Für mich bist du kein Ausländer. Du kommst aus derselben Welt wie ich. Du bist in meiner Klasse. Du hast das Recht auf einen Ausbildungsplatz und auf gleiche Chancen im Leben.

Menschen sind Menschen – überall, mit jeder Hautfarbe und mit jeder Sprache. Das ist die einzige Eigenschaft, die sie gemeinsam haben. Sie sprechen verschiedene Sprachen. Sie ziehen sich anders an.

Zu leben, eine Farbe zu haben oder eine Sprache zu sprechen, andere Kleider zu tragen – das sind keine Eigenschaften von Menschen. Menschen sind daher nicht Aus-/Inländer. Sie sind nicht (haut)farbig und sie sind nicht (fremd)sprachig. Menschen SIND Menschen – überall, mit jeder Hautfarbe und mit jeder Sprache. Das ist die einzige Eigenschaft, die wir alle gemeinsam haben.

10. ZUSAMMENLEBEN

„Zusammen sind wir stärker.“

Ich fordere nicht nur. Ich gebe auch. Meine Zeit. Mein Engagement.

Ich gebe der Gesellschaft meine Zeit und mein Engagement. Freiwillig und unbezahlt. Damit gestalte ich die Gesellschaft mit. Ich lerne, Erste Hilfe zu leisten. Das macht mich stark und kompetent. Wer anderen hilft, hilft auch sich selbst. Ich engagiere mich „Aus Liebe zum Menschen“, weil es mir wichtig ist, andere Menschen zu unterstützen.

Ich helfe gerne anderen. Ich respektiere andere, möchte aber auch respektiert werden. Ohne Vorurteile, mit Verständnis. Für das, was ich bin und werden will.

Unabhängig von Geschlecht, Alter, sozialer und ethnischer Herkunft – Jugendliche sollten auf allen Ebenen gleichberechtigt werden. Ob faire Behandlung in Schule und Ausbildung, oder die gleichen Möglichkeiten und Aussichten.

Vorurteile sind zwar menschlich, müssen aber bewusstgemacht werden um daran zu arbeiten.

Jugendliche haben das Recht auf ein gewaltfreies Aufwachsen, das Recht, sich sicher zu fühlen. Jedem gebührt Respekt und Schutz. Dazu gehört nicht nur der gegenseitige Respekt, sondern auch die passende Kommunikation. Nicht nur untereinander, auch gegenüber Erwachsenen und anderen Bevölkerungsgruppen.

ÖJRK. Das sagt die Jugend.