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Plötzlich erwachsen

Laura Fischer ist ein „Young Carer“ – ein Kind, das zu Hause Pflegeaufgaben übernehmen und damit früh seine Kindheit hinter sich lassen muss.

Wer Laura Fischer zufällig auf der Straße trifft, merkt der 15-jährigen Wienerin nicht an, welch schwierige Zeiten sie hinter sich hat. Als sie 10 Jahre alt war, änderte ein Schicksalsschlag ihr Leben. Sie und ihre Mutter Verena erlitten bei einem Autounfall schwere Verletzungen, Verena musste am Herzen operiert werden, war danach lange auf Reha und wurde pflegebedürftig. Laura war nun ein „Young Carer“, ein Kind, das Pflegeaufgaben übernahm.

„Laura musste von einer Sekunde auf die andere erwachsen werden“, berichtet Verena. „Sie musste praktisch alle Aufgaben im Haushalt erledigen, Essen aufwärmen, Geschirr abwaschen, sogar mir in die Schuhe helfen. Das war belastend für uns beide. Eigentlich ist es ja meine Aufgabe, ihr beim Erwachsenwerden zu helfen.“

Wenn Laura auf ihre Erfahrungen angesprochen wird, reagiert sie zunächst gelassen: „Was blieb mir denn auch anderes übrig?“ Doch die Zeit, in der sie sich um ihre Mutter kümmern musste, ging nicht spurlos an der Jugendlichen vorbei: „Es war belastend für mich, dass ich immer helfen musste. Ich wusste, das ist nicht normal. Andere Kinder in meinem Alter machen andere Sachen.“

Während ihre Freundinnen durch die Stadt bummelten oder ins Kino gingen, verbrachte Laura viel Zeit zu Hause oder im Krankenhaus: „Einige Zeit musste meine Mama jeden zweiten Tag ins Spital, weil viele Untersuchungen notwendig waren. Da war ich immer mit, weil ich sie nicht allein lassen wollte.“

Neben den Pflegeaufgaben durfte die Ausbildung aber nicht zu kurz kommen. Schule, Hausaufgaben, Lernen für Schularbeiten mussten ebenso bewältigt werden.
 

42.000 „Young Carers“

Mit ihrem Schicksal ist Laura nicht allein. Rund 42.000 Kinder und Jugendliche gehören in Österreich zu den „Young Carers“. Sie sind unter 18 Jahre alt, der Durchschnitt liegt bei 12,5 Jahren. Sie unterstützen im Haushalt, kümmern sich um jüngere Geschwister, übernehmen Pflegetätigkeiten, tragen viel Verantwortung.


Belastungen führen oft zu Problemen

„Ihre Rolle im Haushalt wird oft als selbstverständlich erachtet“, so Sonja Kuba, Leiterin des Österreichischen Jugendrotkreuzes. „Die Aufgaben reichen von Pflegetätigkeiten wie Hilfe beim Essen oder Anziehen bis zu unterstützenden Tätigkeiten wie Einkaufen, Aufräumen und Putzen oder emotionaler Unterstützung.“

"Es war belastend für mich, dass ich immer helfen musste. Aber was blieb mir anderes übrig?", so Laura.

Für die eigene Kindheit bleibt kaum Zeit. Die mentalen Belastungen können zu Schlafmangel, Ängsten, Depressionen, sogar zu Burn-out führen. „Dass weniger Raum für die eigene Entwicklung vorhanden ist, kann zu Problemen führen. Man erkennt aber auch die stark ausgeprägte soziale Ader bei diesen Jugendlichen. Sich um andere zu kümmern, ist für sie Teil des Lebens“, so Kuba.

Für „Young Carers“ ist es wichtig, Unterstützung im Alltag zu erhalten. Wie können Erwachsene helfen? Kuba erklärt: „Für Pädagogen und Betreuungspersonen gibt es eigene Schulungen, wie sie ‚Young Carers‘ erkennen und unterstützen können – nicht alle Jugendlichen reden in der Schule oder der Jugendgruppe gerne über ihren Alltag zu Hause. Das Jugendrotkreuz bietet dazu auch Infomaterial für den Unterricht“.


Unterstützung durch das Jugendrotkreuz

Ein besonderes Angebot für „Young Carers“ ist das Juniorcamp des Jugendrotkreuzes. Hier können die Jugendlichen erholsame Ferien weit weg von ihren Alltagssorgen verbringen. Mit Gleichaltrigen und sozialpädagogisch geschulten Betreuern machen sie bei Spiel und Spaß viele neue Erfahrungen in einem sicheren Umfeld, in dem sie Sorgen und Ängste verarbeiten können.

Laura und Verena Fischer haben die schlimmste Zeit überstanden. Mutter und Tochter können den Alltag wieder genießen, wenn sie gemeinsam einkaufen, kochen oder fernsehen. Trotzdem ist ihr Verhältnis nicht mehr so, wie es einmal war. „Unsere Beziehung hat sich verändert“, meint Verena. „Während meiner Reha haben wir besprochen, dass ich wieder die Rolle als Mama übernehme, wenn ich wieder gesund bin. Ich kann das jetzt. Wenn ich Hilfe benötige, sage ich es Laura.“

Für Laura hat sich aus ihren Erfahrungen ein Berufswunsch herauskristallisiert. „Es war immer mein Traum, Ärztin zu werden. Schon in meiner Kindergarten-Portfoliomappe stand ‚Doktor‘ drin. Nach dieser Zeit ist mir klar geworden, dass ich Herzchirurgin werden möchte.“

Erschienen in unserer MEIN ROTES KREUZ Ausgabe im Februar 2025.

Aktuelle Termine:

Juniorcamp

Montag, 13. Juli bis Sonntag, 23. Juli 2026

Ankaran, Slowenien

 

Young Carers Retreat

Freitag, 22. Mai bis Sonntag, 24. Mai 2026

Ammersee, Deutschland